browser icon
You are using an insecure version of your web browser. Please update your browser!
Using an outdated browser makes your computer unsafe. For a safer, faster, more enjoyable user experience, please update your browser today or try a newer browser.

Hinduistische Mystik

Posted by on 21. November 2011

Nach hinduistischen Lehren ist eine Einheitserfahrung mit dem göttlichen Brahman möglich. Das ist in Worten kaum wiederzugeben, da Begriffe es nicht fassen. Typische Beschreibungen bedienen sich Metaphern wie: das Bewusstsein weitet sich ins Unendliche, ist ohne Grenzen, man erfährt sich aufgehoben in einer Wirklichkeit unaussprechlichen Lichts und unaussprechlicher Einheit (Brahman). Dieser Einheitserfahrung entspricht die Lehre der Einheit von Atman (Seele) und göttlichem Brahman.

Das Einssein fassen verschiedene Vertreter unterschiedlich auf:

  • pantheistisch: Gott ist eins mit dem Kosmos und der Natur, und damit auch im Inneren des Menschen zu finden.
  • panentheistisch: Die Seelen behalten einen Eigenstand, wenngleich mit dem Brahman unauflöslich verbunden.
  • monotheistisch: Einheit in Vielfalt. Qualitative Einheit und gleichzeitige individuelle Vielfalt, die der Seele eine ewige mystische Liebesverbindung mit Gott ermöglicht (Vishishta-Advaita).

Nach hinduistischer Lehre ist die alltägliche Wahrnehmung auf vieles gerichtet, die mystische Erfahrung aber eine Einheitserfahrung. Das göttliche Eine ist in allem gegenwärtig, jedoch nicht einfachhin erfahrbar. Es zu erfahren setzt voraus, die Wahrnehmungsart zu ändern. Dazu dienen Konzentrationstechniken des Yoga, Meditation und die Askese als Enthaltung und Verzicht. Askese führt zur Freiheit gegenüber weltlichen Bedürfnissen. Dies kann Essen und Trinken, Sexualität oder Machtstreben einschränken.

Quelle: Wiki

Indien hat bei der Beschreibung und Einordnung dessen, was wir „mystische Erfahrungen“ nennen können, hochkomplexe rationale Denkformen hervorgebracht, die nicht als Gegensatz (wie oft in der europäischen Geschichte der Neuzeit), sondern als analytische Gegengewichte oder evokative Imperative zur mystischen Erfahrung gelten können. Indische Mystik ist ein komplexes Phänomen, weil der Hinduismus als die Religion der Mehrheit auf dem Subkontinent nicht eine einheitliche Religion ist, die philosophisch oder soziologisch auf einen einfachen Begriff gebracht werden könnte, sondern ein Gebilde verschiedener religiöser Erfahrungen und Sozialisationen darstellt, die sich im Laufe der Jahrtausende zu einem einzigartigen Geflecht verwoben haben, das wir Hinduismus nennen. Ich halte es dennoch für verfehlt, von mehreren Religionen zu sprechen, weil bestimmte Charakterzüge diese ansonsten durchaus pluriforme Welt einen, und diese Charakteristika sollen als heuristisches Prinzip dienen, um das zu erfassen, was wir oben mit „Mystik“ angesprochen haben;

Das erste ist ein gewisser Zug zur Entweltlichung, zu einer Abkehr von der Welt, weil man das, was man sehen und anfassen kann, die Bäume, Tiere und Menschen, auch die leblose Materie, nur als äußere Form einer Wirklichkeit, die dahinter liegt, versteht, einer Wirklichkeit nämlich, die wesentlich ist, während das Greifbare nur äußerer Ausdruck oder abgeleiteter Schein ist. Als Vergleich kann uns ein Pilz dienen: Wenn wir nur die einzelnen Fruchtkörper betrachten, die über dem Erdboden sichtbar sind, sehen wir zwar etwas, nämlich individuelle Gegenstände, aber das ist nicht der Pilz. Der Pilz ist unsichtbar unter der Erdoberfläche verborgen. Er ist ein einziges Myzel, und die zunächst für richtig befundene Wahrnehmung einzelner Pilze erweist sich als falsch, denn es handelt sich in Wirklichkeit um ein Geflecht, eine einzige Wirklichkeit, einen Pilz, der sich in verschiedenen Ausdrucksformen — den sichtbaren Fruchtkörpern über dem Grund — manifestiert. In dieser indischen Wirklichkeitsauffassung ist alles Äußere, Individuelle, voneinander Getrennte, nur ein Gleichnis.

Gleichzeitig aber gibt es in Indien auch eine Grundströmung, die ich als die umfassend sakramentale Sicht der Wirklichkeit bezeichnen möchte. Sie hat sich in der Literatur der Tantras niedergeschlagen und fast alle verschiedenen philosophischen Systeme und religiösen Traditionen durchdrungen, auch den Buddhismus. Danach ist jedes Stück Materie, jede Form, sei es ein Atom, ein Molekül, ein Baum, ein Mensch, der gesamte Götterhimmel, die Wirklichkeit überhaupt, nichts anderes als eine „Kondensation“ von Geist. Tantra besagt, dass in allem, was existiert, das eigentliche Wesen nichts anderes als göttlicher Geist ist. Alles, auch das, was wir meist als profan oder unrein oder die dunkle Seite bezeichnen, ist Ausdruck dieses einen Göttlichen, das durch Transformation, die in entsprechender Praxis geübt wird, zutage treten kann. Nach dieser Auffassung von Wirklichkeit geht es gerade nicht um Abwertung der materiellen Welt, sondern um Eintauchen in diese Welt und entsprechende Transformation des Bewusstseins, weil alles Ausdruck der einen göttlichen Kraft ist.

In dieser Spannung zwischen Distanz und Eintauchen in die Welt der Erscheinungen liegt die synthetische Kraft des Hinduismus begründet, aber auch anderer asiatischer Kulturen, denn über den Buddhismus sind auch China, Tibet, Südostasien und der Ferne Osten von dieser Wirklichkeitserfahrung mitgeprägt worden. Für das, was wir „hinduistische Mystik“ nennen können, scheinen mir bei der gewaltigen Fülle sehr verschiedener Erfahrungen, Sprach- und Sozialisationsformen der hier zu behandelnden Phänomene sowie der unterschiedlichen Literaturen drei Merkmale typisch zu sein:

  1. das Gespür für die Einheit aller Phänomene der Wirklichkeit bzw. die Erkenntnis, dass Gott in allem und alles in Gott ist;
  2. die Gewissheit, dass höchste Seligkeit und Ziel des Lebens in der Vereinigung mit Gott oder dem Absoluten Wesen zu finden ist;
  3. die alle Gegensätze integrierende spirituelle Erfahrung, die durch Übung und/oder Gnade des Höchsten heranreifen muss, damit eben jene Seligkeit der Vereinigung konkret schon hier und jetzt erfahren werden kann.

In den einzelnen mythischen Traditionen und philosophischen Systemen kehren diese Merkmale je unterschiedlich angeschaut und reflektiert wieder. Das, was wir heute Hinduismus nennen, ist ja Produkt eines jahrtausendelangen Zusammenwachsens von indogermanischen, dravidischen und der im Industal beheimateten Zivilisationen, wobei noch das Element der Stammeskulturen hinzukommt, die vor allem lokale Traditionen geprägt haben und noch prägen. Wir können also kaum „die“ Mystik des Hinduismus darstellen, sondern müssen uns auf einige repräsentative Strömungen beschränken.